Kopfbild – Blindenmobile

FAHRER UND FAHRGÄSTE UNSERER BLINDENMOBILE IM INTERVIEW

Unter dem Titel „Ja, wie fährt es sich denn?“ setzen wir unsere Serie fort und geben einen kleinen Einblick in die Arbeit der Blindenmobile. In der Region Stuttgart haben wir dazu mit Fahrgast Mulgheta Russom, einem der bekanntesten Blindenfußballer Deutschlands, und mit Fahrer Albrecht Siemers gesprochen.

Stimmen aus Stuttgart

HERR RUSSOM, WAS IST DAS BESONDERE FÜR SIE AM SERVICE BLINDENMOBIL?

„Das ist sehr schnell beschrieben. Als blinder oder sehgeschädigter Mensch ist es wohl für jeden eine der größten Hürden von A nach B zu kommen. Und dies insbesondere, wenn man an neue, unbekannte Orte kommen möchte, an denen man noch nie war. Häufig ist es dann sehr mühsam zu organisieren, dass man die gewünschten Ärzte oder Physiotherapeuten erreichen kann. Ein Taxi ist hier keine Alternative, denn abgesehen davon, dass dieses teuer ist, steht man dann vor einem Gebäude und ist komplett auf sich allein gestellt. Da ist das Blindenmobil im Allgemeinen und im Raum Stuttgart mit seinem Fahrer Albrecht Siemers schon eine klasse Sache. Das Entscheidende ist einfach, dass du nicht nur gefahren, sondern auch zu den Terminen begleitet wirst.“

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HERR SIEMERS, HATTEN SIE EINMAL EIN SCHLÜSSELERLEBNIS VON DEM SIE SAGEN, DAS IST TYPISCH BLINDENMOBIL?

„Eigentlich ist jede Fahrt ein Schlüsselerlebnis, denn unsere Fahrgäste sind überaus dankbar für das Angebot der Blindenfreunde und für die Begleitung durch mich als Fahrer. Natürlich bleiben auch einzelne Fahrten in Erinnerung. So habe ich einmal einen jungen Mann gefahren, der neben seiner Blindheit auch große Probleme mit dem Laufen hatte. Ohne den Service der Blindenfreunde wäre dieser nicht zum Arzt gekommen und dieser Arzttermin war dringend notwendig.“

WIE KÖNNEN WIR UNS IHREN ALLTAG ALS FAHRER DES BLINDENMOBILS IN DER REGION STUTTGART VORSTELLEN?

„Ich teile mir die Aufgabe mit meinem Kollegen Stephan Folger. Während ich von Montag bis Mittwoch im Durchschnitt 1,5 bis 2 Fahrten pro Tag mache, übernimmt er die Fahrten am Donnerstag und Freitag. In meiner Aufgabe erfahre ich viel vom Leben meiner Fahrgäste. Das erfordert ein starkes Vertrauen auf beiden Seiten. Eine Zeit lang habe ich einen Fahrgast regelmäßig zur Chemotherapie gefahren oder viel mehr begleitet. Leider ist er bereits verstorben aber noch lange nach seinem Tod haben die Blindenfreunde und ich sehr viel Dankbarkeit für unsere Hilfe von seiner Frau erfahren.“

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Stimmen aus dem mittleren Ruhrgebiet

HERR SCHRÖDER, SIE BETREUEN FÜR DIE GEMEINSCHAFT DEUTSCHER BLINDENFREUNDE VON 1860 E.V. DAS BLINDENMOBIL IM MITTLEREN RUHRGEBIET. WIE SIND SIE ZU DIESER AUFGABE GEKOMMEN?

„Das hat zunächst mit einer Menge Zufällen, geballt an einem Tag, zu tun. Ich war in der Stadt unterwegs und habe mit dem Hinweis, dass er jetzt weg müsste und keine Zeit mehr hätte, von einem Mann einen 88-jährigen blinden Senior übergeben bekommen. Die Bitte lautete, ihn zu einer bestimmten Straße zu bringen, das habe ich getan. Die zwischenmenschliche Begegnung war sehr nett und freundlich. Als ich  an diesem besagten Tag wieder zu Hause war, fiel mir eine Anzeige der Blindenfreunde in die Hände, die einen Fahrer für das Blindenmobil suchten. Für mich war klar, dass kann kein Zufall sein.“

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DER GROSSRAUM DORSTEN, DATTELN, GELSENKIRCHEN, RECKLINGHAUSEN, HERNE UND BOCHUM, DAS IST SEIT DREI JAHREN IHR REVIER MIT DEM BLINDENMOBIL, HERR SCHRÖDER. WELCHE ERFAHRUNGEN HABEN SIE IN DIESER ZEIT GEMACHT?

„Menschen sind unterschiedlich und so ist das spannende an meiner Tätigkeit, dass ich natürlich sehr viele verschiedene Charaktere und vor allem auch Lebensgeschichten kennenlerne. Viele Fahrgäste begleitete ich immer mal wieder und so entsteht – neben vielen netten und zum Teil sehr persönlichen Gesprächen- über die Zeit auch ein Vertrauensverhältnis. Das finde ich sehr wichtig für beide Seiten und dieses mir entgegengebrachte Vertrauen ist für mich das schönste Dankeschön.“

ERINNERN SIE SICH NOCH AN IHRE ANFANGSZEIT UND AN IHRE ERSTEN FAHRTEN MIT DEM BLINDENMOBIL, HERR SCHRÖDER?

„Daran erinnere ich mich sehr gut. Zu Beginn habe ich zunächst viele Blindenvereine im mittleren Ruhrgebiet besucht und vom Angebot berichtet. Es war gar nicht so einfach den Menschen glaubhaft zu machen, dass der Fahr- und Begleitservice der Blindenfreunde ein kostenfreies Angebot ist. Viele fragten nach dem Haken an der Sache und legten ihre Skepsis erst nach der ersten Fahrt ab. Der eine oder andere von meinen blinden oder schwer sehgeschädigten Menschen hat schließlich schon einige negative Erfahrungen gemacht, wenn es darum ging, ein Angebot scheinbar kostenfrei nutzen zu können. So dauerte es drei bis vier Monate, bis der Service richtig in Gang kam und seit dem regelmäßig in Anspruch genommen wird.“

HERR FRIES, SIE SIND SEIT IHREM 14. LEBENSJAHR BLIND UND LEITEN DEN BLINDEN UND SEHBEHINDERTENVEREIN NORDRHEIN-WESTPHALEN IM BEZIRK BOTTROP. WAS BEDEUTET DER MOBILITÄTSSERVICE FÜR SIE?

„Der Blindenmobil-Service ist für mich persönlich und für viele Vereinsmitglieder eine unheimliche Unterstützung im Alltag. Anrufen, Termin vereinbaren und dann von Herrn Schröder abgeholt zu werden, einfach großartig! Gerade bei Terminen an unbekannten Orten, bei Facharztbesuchen oder Ämtergängen ist es gut zu wissen, dass man begleitet wird. Das gibt Sicherheit und man kann sich auf das Inhaltliche konzentrieren. Ein echtes Stück Freiheit!“

HERR FRIES, SIE KENNEN DIE BLINDENFREUNDE SCHON SEHR LANGE, NOCH AUS EINER ZEIT VOR DEM MOBILITÄTSSERVICE?

„Das ist richtig. Den ersten Kontakt hatte ich als ich 1971 meine Lehre zum Klavierstimmer beendete und die Blindenfreunde die Abschlussfeier unterstützten. Das ist es, was die Blindenfreunde, neben dem Fahrservice, für mich ausmachen. Der Verein ermöglicht Blinden und Sehgeschädigten unkompliziert und ohne große Hürden gesellschaftliche Teilhabe. Ein weiteres Beispiel ist der NRW-Skat-Cup, den ich alle zwei Jahre ausrichte. Hier benötigen wir spezielle Skatkarten, die ohne die Unterstützung der Blindenfreunde bei einem Preis von fast 30,- Euro pro Blatt nicht angeschafft werden könnten.“

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